Laibhaftig
Kompendium · Kapitel 6

Sauerteig

Mikrobiologie, Ansetzen und Pflege des Anstellguts, Roggen-, Weizen- und Dinkelsauer, Lievito Madre und die klassischen Führungen von der Einstufen- bis zur Detmolder Dreistufenführung.

Inhalt dieses Kapitels

Sauerteig ist das älteste Triebmittel der Bäckerei und zugleich das anspruchsvollste: eine lebendige Gemeinschaft aus Milchsäurebakterien und Hefen, die du mit Mehl, Wasser, Temperatur und Zeit steuerst. Wer versteht, was in diesem Glas passiert, kann Säure, Aroma und Triebkraft gezielt einstellen – vom milden Weizenlandbrot bis zum kräftigen Roggenbrot. Dieses Kapitel erklärt die Mikrobiologie, führt dich Tag für Tag zum eigenen Anstellgut und stellt die klassischen Führungen mit allen Richtwerten vor.

Was Sauerteig ist und wozu er dient#

Ein Sauerteig ist ein Teig aus Mehl und Wasser, in dem sich Milchsäurebakterien und Hefen in aktivem Zustand befinden und durch erneute Zugabe von Mehl und Wasser immer weiter vermehren lassen. Die Leitsätze für Brot und Kleingebäck beschreiben ihn sinngemäß so; ein Brot darf nur dann als Sauerteigbrot bezeichnet werden, wenn seine gesamte Säure aus Sauerteig stammt.

Sauerteig erfüllt im Brot gleich mehrere Aufgaben:

Aufgabe Wie Sauerteig sie erfüllt
Lockerung Hefen und heterofermentative Bakterien bilden Kohlendioxid
Backfähigkeit von Roggen Säure hemmt die Stärke abbauenden Enzyme und lässt die Schleimstoffe quellen – ohne Säure wird Roggenkrume klitschig
Aroma Milchsäure, Essigsäure, Alkohole, Ester und Abbauprodukte aus Eiweiß bilden ein vielschichtiges Geschmacksprofil
Frischhaltung Säure und gequollene Pentosane halten die Krume länger saftig
Schutz vor Verderb niedriger pH-Wert hemmt Schimmel und Fadenziehen
Bekömmlichkeit lange Fermentation baut einen Teil der schwer verdaulichen Zucker (FODMAPs) und der Phytinsäure ab

Warum Roggen Säure braucht#

Roggen besitzt kaum formbaren Kleber. Sein Gerüst bilden stattdessen die Pentosane – Schleimstoffe, die sehr viel Wasser binden – und die Stärke. Roggenmehl ist zudem reich an Amylase, und seine Stärke verkleistert schon bei Temperaturen, bei denen diese Enzyme noch voll aktiv sind. Ohne Gegenmaßnahme bauen sie im Ofen so viel Stärke ab, dass die Krume feucht, klebrig und mit Wasserstreifen durchzogen ist.

Säure senkt den pH-Wert des Teigs, bremst die Amylasen und verbessert das Quellvermögen der Pentosane. Deshalb gilt: Ab etwa 20 % Roggenanteil sollte ein Teil des Roggens versäuert werden, ab etwa 50 % ist Sauerteig praktisch unverzichtbar.

Mikrobiologie: wer im Glas arbeitet#

Mikroben im Sauerteig: Milchsäurebakterien bilden Milchsäure, Essigsäure und Aromastoffe, Hefen bilden CO₂ und Aromastoffe Milchsäurebakterien Hefen Milchsäure mild Essigsäure kräftig Aromastoffe CO₂ warm & weich → mehr Milchsäure · kühl & fest → mehr Essigsäure
Abb. 6.1 Milchsäurebakterien (Stäbchen) und Hefen (sprossende Ovale) und ihre Stoffwechselprodukte: Milchsäure, Essigsäure, CO₂ und Aromastoffe

Ein reifer Sauerteig enthält typischerweise 100 Millionen bis 1 Milliarde Milchsäurebakterien und 1 bis 10 Millionen Hefezellen pro Gramm. Bakterien sind also zahlenmäßig weit überlegen – meist im Verhältnis 10 : 1 bis 100 : 1. Hefezellen sind allerdings viel größer und tragen trotzdem wesentlich zur Triebkraft bei.

Milchsäurebakterien#

Milchsäurebakterien vergären Zucker zu Säuren. Nach ihrem Stoffwechsel unterscheidet man zwei Gruppen:

Merkmal Homofermentativ Heterofermentativ
Produkte fast ausschließlich Milchsäure Milchsäure, Essigsäure bzw. Ethanol, CO₂
Beitrag zur Lockerung keiner ja, durch CO₂
Aroma mild, joghurtartig vielschichtig, säuerlich-würzig
Bevorzugte Bedingungen eher warm (30–40 °C), weiche Teige breiter Bereich, viele Arten mögen es mild-warm (25–33 °C)
Typische Vertreter Lactiplantibacillus plantarum, Lactobacillus delbrueckii, Pediococcus-Arten Fructilactobacillus sanfranciscensis, Limosilactobacillus pontis, Limosilactobacillus fermentum, Levilactobacillus brevis

Hintergrund

Die Gattung Lactobacillus wurde 2020 auf Basis genetischer Daten in zahlreiche neue Gattungen aufgeteilt. Das bekannte „Lactobacillus sanfranciscensis“ heißt seither Fructilactobacillus sanfranciscensis, „Lactobacillus plantarum“ wurde zu Lactiplantibacillus plantarum. Ältere Bücher verwenden die alten Namen – gemeint sind dieselben Bakterien.

Für die Essigsäurebildung brauchen heterofermentative Bakterien einen sogenannten Elektronenakzeptor – etwa Fructose, wie sie beim Abbau von Mehlbestandteilen frei wird, oder Sauerstoff. Deshalb entsteht in Vollkornsauern und bei längerer Reifung tendenziell mehr Essigsäure.

Sauerteighefen#

Die Hefen im Sauerteig sind meist nicht identisch mit Backhefe. Häufig sind Kazachstania humilis (früher Candida milleri), Kazachstania exigua, Pichia kudriavzevii und auch wilde Stämme von Saccharomyces cerevisiae. Sauerteighefen sind säuretoleranter als Backhefe und vertragen die Stoffwechselprodukte der Bakterien gut.

Ein schönes Beispiel für das Zusammenspiel: Fructilactobacillus sanfranciscensis spaltet Maltose (Malzzucker) und gibt dabei Glucose ab, die er selbst kaum nutzt. Die Hefe Kazachstania humilis kann keine Maltose verwerten und lebt von genau dieser Glucose. So konkurrieren beide nicht, sondern ergänzen sich – ein Grund, warum manche Sauerteige über Jahrzehnte stabil bleiben.

Milchsäure und Essigsäure#

Eigenschaft Milchsäure Essigsäure
Geschmack mild, rund, joghurtartig scharf, stechend, würzig
Flüchtigkeit nicht flüchtig, bleibt im Brot flüchtig, teilweise Verlust beim Backen
Wirkung auf Kleber festigt in Maßen strafft stark, macht Weizenteige kurz und reißend
Hemmwirkung auf Schimmel gering deutlich
Gefördert durch Wärme (28–35 °C), weiche Führung (TA 200 und mehr) Kühle (20–25 °C), feste Führung (TA 150–170), lange Reifezeit, Vollkornmehl

Das Verhältnis beider Säuren nennt man Gärungsquotient oder Fermentationsquotient (FQ, molares Verhältnis Milchsäure : Essigsäure). Für Roggenbrote gelten Werte um 2 bis 4 als harmonisch. Ist der Wert deutlich niedriger, schmeckt das Brot essigsauer-stechend; deutlich höher, wirkt es flach und nur „joghurtsauer“.

Temperatur, Teigausbeute und andere Stellschrauben#

Relative Gärgeschwindigkeit nach Temperatur für Milchsäurebakterien, Sauerteighefen (Messdaten Gänzle et al. 1998) und BackhefeKühlschrankKellerKüchewarm05101520253035404525 %50 %75 %100 %Temperatur in °CMilchsäurebakterien (Opt. 32.5 °C)Sauerteighefen (Opt. 27 °C)Backhefe (Opt. 36 °C)
Abb. 6.2 Relative Wachstumsraten von Milchsäurebakterien, Sauerteighefen und Backhefe in Abhängigkeit von der Temperatur

Die Grafik zeigt, warum Temperatur der wichtigste Hebel ist. Die Kurven für Sauerteig beruhen auf Messungen von Gänzle und Kollegen (1998) an F. sanfranciscensis und K. humilis (früher Candida milleri): Milchsäurebakterien vermehren sich am schnellsten bei 32–33 °C und bei 20 °C nur halb so schnell wie bei 26 °C; bei 41 °C ist Schluss. Sauerteighefen haben ihr Optimum bei 27 °C und kommen über 32 °C kaum noch voran. Backhefe bildet am meisten Gas bei 35–38 °C. Bei kühlen 20–24 °C wachsen die Hefen im Verhältnis zu den Bakterien also besser, bei 30 °C und mehr übernehmen die Bakterien das Kommando – der Teig säuert rasch, treibt aber vergleichsweise wenig.

Stellschraube Richtung Wirkung auf Säure Wirkung auf Aroma / Trieb
Temperatur warm (28–35 °C) schnell, viel Milchsäure mild-säuerlich, Hefen eher im Hintergrund
kühl (18–24 °C) langsam, relativ mehr Essigsäure kräftig-würzig, Hefen relativ begünstigt
Teigausbeute weich (TA 200–250) schneller, milchsäurebetont mild, zügige Reifung
fest (TA 150–170) langsamer, essigbetont kräftig, stabil, verzeiht längere Standzeit
Anstellgutmenge viel (20–50 %) schnelle Reife wenig Zeit für Aroma, mild
wenig (2–10 %) lange Reife ausgeprägtes Aroma, mehr Gesamtsäure
Mehltype hell (Type 997/1150) weniger Gesamtsäure milder
dunkel/Vollkorn (1370, 1740, Schrot) mehr Gesamtsäure (Puffer durch Mineralstoffe) kräftiger, mehr Essigsäure
Salz (1,5–2,5 % auf Sauerteigmehl) gebremst langsamere, gleichmäßigere Säuerung größere Toleranz, Hefen geschont
Reifezeit lang mehr Säure, insbesondere Essigsäure intensiver bis sauer

Praxistipp

Dein Brot ist dir zu sauer? Führe den Sauerteig weicher und wärmer, nimm mehr Anstellgut und verwende ihn früher. Zu mild? Fester, kühler, mit weniger Anstellgut und länger. Mit diesen vier Hebeln stellst du fast jedes Geschmacksprofil ein.

Säuregrad und pH-Wert#

Säure lässt sich auf zwei Arten messen, die unterschiedliche Dinge aussagen:

  • Der pH-Wert gibt die momentane Säurestärke an – je kleiner, desto saurer. Er bestimmt, wie stark Enzyme gehemmt werden.
  • Der Säuregrad (SG) misst die Gesamtmenge an Säure: Er entspricht der Menge 0,1-normaler Natronlauge in Millilitern, die man braucht, um 10 g Teig oder Brot zu neutralisieren. Er sagt mehr über den Geschmack aus.

Weil Mineralstoffe die Säure puffern, kann ein Vollkornsauer einen hohen Säuregrad haben, ohne dass der pH-Wert stärker sinkt als bei einem hellen Sauer. Die Gesamtsäure bezeichnet man auch als Acidität.

Produkt pH-Wert (Richtwert) Säuregrad (Richtwert)
Reifer Roggensauer, Type 1150 3,7–4,0 10–15
Reifer Roggenvollkornsauer 3,6–3,9 16–24
Reifer Weizensauer / Levain 3,8–4,2 6–10
Lievito Madre (aufgefrischt) 4,1–4,5 4–7
Roggenbrot (Krume) 4,2–4,6 7–11
Roggenmischbrot 4,4–4,8 6–9
Weizenmischbrot 4,8–5,3 4–7
Weizenbrot mit Levain 4,8–5,4 3–6
Weizenbrot mit Hefe 5,4–6,0 2–3

Zu Hause genügen pH-Teststreifen mit feiner Abstufung oder ein kalibriertes Einstech-pH-Meter. Für die meisten Hobbybäcker sind aber Geruch, Geschmack und Volumen die verlässlicheren Reifeanzeiger.

Anstellgut ansetzen#

Ein eigenes Anstellgut – also der Teil Sauerteig, den du als Starter aufbewahrst – entsteht aus nichts als Mehl und Wasser. Die Mikroorganismen sitzen bereits auf dem Korn und gelangen mit dem Mehl in den Ansatz. Am zuverlässigsten gelingt das mit Roggenvollkornmehl: Es ist reich an Nährstoffen, Mineralstoffen und Keimen.

Voraussetzungen: ein sauberes Glas (ca. 0,5–1 l), Bio-Roggenvollkornmehl, Wasser (Leitungswasser ist in Deutschland meist geeignet; stark gechlortes Wasser abstehen lassen), ein warmer Platz mit 25–28 °C, eine Waage.

Tag Was du tust TA Was du beobachtest
1 50 g Roggenvollkornmehl + 50 g Wasser (ca. 30 °C) verrühren, locker abdecken 200 kaum Veränderung
2 50 g Mehl + 50 g Wasser zugeben, verrühren 200 oft erste Blasen, manchmal unangenehmer Geruch (käsig, nach Erbrochenem) – normal
3 50 g vom Ansatz behalten, Rest entsorgen; 50 g Mehl + 50 g Wasser zugeben 200 häufig plötzlich ruhig, wenig Blasen – kein Grund zur Sorge
4 wie Tag 3 200 Geruch wird säuerlicher, angenehmer
5 20 g Ansatz + 50 g Mehl + 50 g Wasser 200 deutliche Blasen, Volumenzunahme
6 20 g Ansatz + 50 g Mehl + 50 g Wasser, bei Bedarf zweimal täglich 200 Verdopplung innerhalb von 8–12 h
7–10 wie Tag 6, bis die Verdopplung zuverlässig in 6–12 h gelingt 200 mild-säuerlich, fruchtig, joghurtartig; stabiler Rhythmus

Hintergrund

In den ersten zwei Tagen vermehren sich oft Bakterien, die mit Sauerteig wenig zu tun haben – etwa Enterobakterien oder Leuconostoc-Arten. Sie bilden viel Gas und üble Gerüche. Sobald die Säure steigt, sterben sie ab, und es wird ein bis zwei Tage ruhig. Erst danach setzen sich die eigentlichen, säuretoleranten Sauerteigbakterien und -hefen durch. Wer an Tag 2 einen „super aktiven“ Ansatz sieht, wird an Tag 3 oft enttäuscht – das ist der normale Ablauf.

Ist das Anstellgut fertig? Es ist backfähig, wenn es nach dem Füttern im Verhältnis 1 : 5 : 5 (Anstellgut : Mehl : Wasser) bei 24–26 °C sein Volumen innerhalb von etwa 6–10 Stunden mindestens verdoppelt und angenehm säuerlich riecht. Die ersten Brote dürfen noch etwas Hefe als Unterstützung bekommen; nach zwei, drei Wochen regelmäßiger Pflege ist ein Anstellgut meist voll triebstark.

Praxistipp

Du willst ein Weizen- oder Dinkelanstellgut? Setze zuerst ein Roggenanstellgut an und stelle es dann über drei bis vier Fütterungen auf das gewünschte Mehl um. Das geht schneller und sicherer als ein Neuansatz mit hellem Weizenmehl.

Pflege und Lagerung#

Ein fertiges Anstellgut braucht keine tägliche Fütterung. Im Kühlschrank verlangsamt sich der Stoffwechsel so stark, dass eine Fütterung pro Woche genügt.

Methode So geht's Haltbarkeit Reaktivierung
Kühlschrank, weich (TA 200) nach dem Füttern 1–2 h anspringen lassen, dann bei 4–6 °C lagern 7–14 Tage zwischen Fütterungen 1–2 Fütterungen bei Raumtemperatur
Kühlschrank, fest (TA 150–160) Anstellgut mit Mehl zu einem festen Klumpen kneten 2–4 Wochen 1–2 Fütterungen, zunächst etwas weicher
Anstellgut aus dem Sauerteig abnehmen vom reifen Sauerteig vor der Zugabe zum Hauptteig 20–50 g ins Glas, Kühlschrank so lange wie zwischen zwei Backtagen (bis 2 Wochen) keine, wenn regelmäßig gebacken wird
Trocknen (Bröselsauer) reifes Anstellgut dünn auf Backpapier streichen, bei Raumtemperatur vollständig trocknen, zerbröseln, dicht verschlossen lagern 6–12 Monate und länger Brösel in Wasser einweichen, 3–5 Fütterungen über 2–4 Tage
Einfrieren reifes Anstellgut portionsweise einfrieren (−18 °C) 3–6 Monate auftauen, 2–4 Fütterungen

Praxistipp

Trockne immer eine Portion Bröselsauer als Sicherheitskopie. Ein vergessenes Glas, ein Kühlschrankdefekt oder Schimmel sind dann keine Katastrophe.

Woran du Hunger erkennst: Eine graue bis braune Flüssigkeit auf der Oberfläche (im Englischen „Hooch“), ein Geruch nach Aceton oder Nagellack und ein eingefallener, flüssiger Teig zeigen, dass das Anstellgut zu lange nicht gefüttert wurde. Flüssigkeit abgießen oder unterrühren, kleine Menge abnehmen und zwei- bis dreimal auffrischen – danach ist es wieder fit.

In der App kannst du deine Anstellgüter unter /sauerteige/ verwalten und Fütterungen protokollieren.

Sauerteigarten#

Roggensauerteig#

Der Roggensauer ist der deutsche Standard. Er wird meist aus Roggenmehl Type 1150, 1370 oder Vollkorn geführt, mit TA 150–200, und liefert die Säure, ohne die Roggen- und Roggenmischbrote nicht gelingen.

  • Versäuerter Mehlanteil: 35–50 % des Gesamtmehls bei Roggenbroten, 30–40 % bei Roggenmischbroten, 20–30 % bei Weizenmischbroten.
  • Typische Führungen: Einstufen-, Detmolder Zwei- und Dreistufenführung, Berliner Kurzsauer, Monheimer Salzsauer (siehe Führungen).
  • Reife: gewölbte, rissige Oberfläche mit Blasen, kräftig säuerlicher, aber nicht stechender Geruch.

Weizensauerteig und Levain#

Weizensauerteige werden meist milder geführt als Roggensauer, weil viel Säure – vor allem Essigsäure – den Weizenkleber strafft und den Teig kurz macht. Der Levain der französischen Tradition gibt es in zwei Grundformen:

Merkmal Flüssiger Levain (levain liquide) Fester Levain (levain dur)
TA 200–225 150–160
Anstellgut 20–50 % 10–30 %
Temperatur 25–28 °C 22–26 °C
Reifezeit 4–8 h 8–14 h
Säureprofil mild, milchsauer, cremig etwas kräftiger, essigbetonter, stabil
Versäuerter Mehlanteil im Brot 10–20 % (Landbrote bis 25 %) 10–20 %
Einsatz Weizen- und Weizenmischbrote, Country Bread Pain au levain, kühlere Führungen

Für die einfache Hausbäckerführung gilt: Anstellgut, Mehl und Wasser im Verhältnis 1 : 5 : 5 sind bei 20 °C nach etwa 12 Stunden reif, bei 26 °C nach rund 6–8 Stunden.

Praxistipp

Für helle Weizenbrote setzt du den Levain mit dem gleichen Mehl wie den Hauptteig an und verwendest ihn kurz vor dem Höhepunkt. So bringt er maximale Triebkraft und noch wenig Säure in den Teig – ideal für offene Krume und guten Ausbund.

Dinkelsauerteig#

Dinkel verhält sich im Sauerteig ähnlich wie Weizen, sein Kleber ist aber empfindlicher gegenüber Säure, Enzymen und langer Teigführung. Daraus folgen einige Besonderheiten:

  • Versäuerter Mehlanteil eher niedrig: 10–20 %, bei Vollkornbroten bis 30 %.
  • Führung mild: TA 180–200, 24–27 °C, Reife nicht überschreiten.
  • Dinkelvollkorn liefert mehr Säure als Dinkel 630 – bei Vollkornbroten Sauerteiganteil entsprechend begrenzen.
  • Für feste, lange Führungen eignet sich Dinkel weniger; die Krume wird sonst schnell feucht und der Teig breitläufig.

Lievito Madre#

Die Lievito Madre ist ein fester Weizensauerteig mit TA 145–150, der durch häufiges, warmes Auffrischen ausgesprochen mild und triebstark gehalten wird. Sie ist die Basis für Panettone, Pandoro, Colomba und viele italienische Brote.

Schritt Richtwert
Auffrischen Lievito Madre : Mehl : Wasser = 1 : 1 : 0,45–0,5 (kräftiges Weizenmehl, Tipo 0 / Type 550)
Temperatur 26–28 °C
Reifezeit 3–4 h, bis das Volumen etwa verdreifacht ist
Vor großen Gebäcken 2–3 Auffrischungen hintereinander, damit Säure sinkt und Triebkraft steigt
Lagerung gebunden in einem Leinentuch oder in einem engen Gefäß bei 4–6 °C oder bei 16–18 °C
Pflegerhythmus im Kühlschrank alle 5–7 Tage auffrischen

Das Bad (bagnetto): Ist die Madre zu sauer geworden, schneidest du sie in etwa 1 cm dicke Scheiben und legst sie 15–20 Minuten in Wasser von etwa 18–20 °C mit 1–2 g Zucker pro Liter. Anschließend gut ausdrücken und sofort auffrischen. Das Bad wäscht einen Teil der Säure aus und bringt eine übersäuerte Madre wieder ins Gleichgewicht.

Hintergrund

Die feste Konsistenz und die häufigen, warmen Auffrischungen halten die Lievito Madre milchsäurebetont und arm an Essigsäure. So bleibt der Weizenkleber dehnbar – entscheidend für die luftigen, langfaserigen Krumen von Panettone oder Colomba.

Abgrenzung: Backferment und Hefewasser#

Backferment ist ein kommerziell hergestelltes Triebmittel auf Basis von Honig, Getreide und Hülsenfrüchten, das ebenfalls Milchsäurebakterien und Hefen enthält, aber deutlich milder säuert und anders geführt wird. Hefewasser liefert fast nur Hefen. Beide sind kein Sauerteig im Sinne der Leitsätze; mehr zu Hefewasser findest du im Kapitel Vorstufen.

Reifezeichen#

Reifeverlauf eines Sauerteigs in fünf Gläsern: gefüttert, springt an, Höhepunkt, fällt ein, überreif Richtwerte bei etwa 25 °C ideal zum Backen gefüttert 0 h springt an 2–3 h Höhepunkt 4–6 h fällt ein 8–10 h überreif 12 h +
Abb. 6.3 Reifeverlauf nach dem Füttern: gefüttert, anspringend, Höhepunkt mit gewölbter Kuppel, einfallend, überreif mit Flüssigkeit

Ein Sauerteig hat ein Zeitfenster, in dem er optimal ist. Für Triebkraft gilt: auf dem Höhepunkt oder kurz davor. Für Säure (etwa im Roggenbrot) darf er etwas darüber hinaus sein.

Stadium Aussehen Geruch Verwendung
Frisch gefüttert glatt, dicht mehlig –
Anspringend erste Blasen, leicht gewölbt, +30–50 % Volumen mild säuerlich zu früh; wenig Säure und Trieb
Kurz vor Höhepunkt stark gewölbt, viele Blasen, ca. doppeltes Volumen frisch säuerlich, fruchtig ideal für Weizenbrote und Lievito Madre
Höhepunkt maximale Kuppel, Oberfläche beginnt zu reißen (Roggen) kräftig säuerlich ideal für Roggen- und Mischbrote
Einfallend Kuppel sinkt, Ränder am Glas zeigen den Höchststand deutlich sauer, leicht alkoholisch noch verwendbar für Roggen, Trieb nachlassend
Überreif eingefallen, flüssig, evtl. Flüssigkeit oben stechend, Aceton, Alkohol nicht mehr für den Teig; auffrischen

Schwimmtest: Ein Teelöffel weicher Weizensauer, der in Wasser schwimmt, enthält genug Gas. Der Test ist bei Roggen und festen Sauern unzuverlässig und ersetzt nicht den Blick auf Volumen und Struktur.

Praxistipp

Markiere nach dem Füttern den Füllstand mit einem Gummiband am Glas. So siehst du auf einen Blick, wie stark der Sauerteig gestiegen ist und ob er schon wieder fällt.

Führungen#

Unter einer Führung versteht man das Schema, nach dem ein Sauerteig aus dem Anstellgut bis zur Teigreife gebracht wird: Anzahl der Stufen, Teigausbeute, Temperatur, Anstellgutmenge und Reifezeit. Die klassischen Führungen stammen aus der Roggenbäckerei; die Angaben zu Temperaturen und Zeiten streuen je nach Quelle etwas – die folgenden Werte sind bewährte Bereiche.

Führung Stufen Gesamtzeit Besonderheit Hefe im Teig nötig?
Einstufenführung 1 12–24 h einfach, ausgewogen Mischbrote meist ja (wenig)
Detmolder Zweistufenführung 2 18–28 h Säure und Trieb getrennt gesteuert wenig oder keine
Detmolder Dreistufenführung 3 23–34 h maximale Triebkraft und Aroma nein
Berliner Kurzsauer 1 ca. 3 h sehr warm, sehr schnell ja
Monheimer Salzsauer 1 15–48 h Salz im Sauer, sehr tolerant meist ja

Die Führungen kannst du mit allen Parametern in der App unter /sauerteige/fuehrungen/ nachschlagen und für deine Rezepte nutzen.

Einstufenführung#

Die Einstufenführung ist die einfachste und im Haushalt beliebteste Methode: Anstellgut, Mehl und Wasser werden einmal angesetzt und reifen ohne weiteren Eingriff.

Parameter Hausbäcker-Variante Klassische Einstufen-Langzeitführung
TA 180–200 180–200
Anstellgut (auf Sauerteigmehl) 5–10 % 10–20 %
Temperatur 20–22 °C (Raumtemperatur) 23–27 °C, darf frei abfallen
Reifezeit 12–16 h 15–24 h
Profil mild bis mittel, ausgewogen kräftiger, mehr Säure

Rechenbeispiel

Roggenmischbrot mit 1000 g Mehl, davon 400 g Roggenmehl 1150 versäuert (40 %). Sauerteig: 400 g Roggenmehl + 400 g Wasser (TA 200) + 30 g Anstellgut (7,5 %). Bei 20 °C nach etwa 12–16 h reif, also abends um 20 Uhr angesetzt, morgens um 8–10 Uhr verwendbar.

Die Einstufenführung ist robust und verzeiht Abweichungen von ein, zwei Stunden. Ihr Nachteil: Säure und Hefevermehrung lassen sich nicht unabhängig voneinander steuern. Für reine Sauerteigbrote ohne Hefe ist die Triebkraft oft grenzwertig.

Die Detmolder Führungen#

Detmolder Dreistufenführung als Treppe: Anfrischsauer, Grundsauer, Vollsauer, dann Teig – mit Teigausbeute, Temperatur und Zeit Detmolder Dreistufenführung Roggensauerteig – jede Stufe wird neu aufgefrischt Gesamtdauer etwa 23–34 h Anfrischsauer TA 200 25–26 °C 5–6 h Grundsauer TA 150–160 23–27 °C 15–24 h Vollsauer TA 200 30–35 °C 3–4 h Teig + restliches Mehl, Wasser, Salz
Abb. 6.4 Detmolder Dreistufenführung als Treppe: Anfrischsauer (TA 200, 25–26 °C, 5–6 h), Grundsauer (TA 150–160, 23–27 °C, 15–24 h), Vollsauer (TA 200, 30–35 °C, 3–4 h), dann Teig

Die Mehrstufenführungen wurden in der Mitte des 20. Jahrhunderts an der damaligen Bundesanstalt für Getreideforschung in Detmold systematisch untersucht und beschrieben. Ihr Grundgedanke: Jede Stufe hat eine eigene Aufgabe, und die Bedingungen werden genau dafür eingestellt.

  • Anfrischsauer: weich und warm, kurz – weckt die Hefen und bringt sie in Vermehrung.
  • Grundsauer: fest und eher kühl, lang – bildet Säure, besonders Essigsäure, und das Aromagerüst.
  • Vollsauer: weich und warm, kurz – vermehrt Hefen stark und liefert Triebkraft und milde Milchsäure.

Detmolder Zweistufenführung#

Die Zweistufenführung besteht aus Grundsauer und Vollsauer.

Stufe TA Temperatur Reifezeit Anstellgut / Mehlanteil Aufgabe
Grundsauer 150–160 22–27 °C 15–24 h ca. 10–20 % Anstellgut auf das Grundsauermehl; Grundsauer enthält ca. 20–30 % des Sauerteigmehls Säure, Aroma
Vollsauer 200 28–32 °C 3–4 h restliche 70–80 % des Sauerteigmehls Hefevermehrung, Triebkraft

Der Grundsauer wird fest angesetzt und reift über Nacht. Am Backtag wird er mit Mehl und warmem Wasser zum Vollsauer aufgefrischt, der in wenigen warmen Stunden ausreift und dann zügig verarbeitet werden muss.

Rechenbeispiel

Roggenbrot mit 1000 g Mehl, 450 g davon versäuert. Grundsauer: 100 g Roggenmehl 1370 + 55 g Wasser (TA 155) + 15 g Anstellgut; 18 h bei 22–24 °C. Vollsauer: Grundsauer + 350 g Roggenmehl + 395 g Wasser (ca. 35 °C), sodass der Gesamtsauer bei rund TA 200 liegt; 3 h bei 30 °C. Hauptteig: Vollsauer + 550 g Mehl + restliches Wasser + Salz; Hefe nur bei Bedarf 0,5 %.

Detmolder Dreistufenführung#

Die Detmolder Dreistufenführung ergänzt einen Anfrischsauer vor dem Grundsauer. Sie gilt als Königsweg für reine Roggensauerteigbrote ohne Hefezusatz.

Stufe TA Temperatur Reifezeit Anteil am Sauerteigmehl (Richtwert) Aufgabe
Anfrischsauer 200 25–26 °C 5–6 h ca. 2–5 % (aus ca. 1 Teil Anstellgut auf 1–2 Teile Mehl) Hefen aktivieren
Grundsauer 150–160 23–27 °C (fallend erlaubt) 15–24 h ca. 15–25 % Säure, Aroma
Vollsauer 200 30–35 °C 3–4 h ca. 70–80 % Trieb, Milchsäure

Der Zeitplan erfordert Disziplin: Anfrischsauer am Nachmittag, Grundsauer am Abend, Vollsauer am frühen Morgen, Teig am Vormittag. Vor allem die 30–35 °C für den Vollsauer verlangen einen gut regelbaren warmen Ort – etwa den Backofen mit eingeschalteter Lampe, eine Gärbox oder eine Styroporkiste mit Wärmflasche.

Achtung

Der Vollsauer hat ein kurzes Reifefenster. Wird er bei 30–35 °C deutlich länger als vier Stunden gehalten, bricht die Hefetätigkeit ein und die Säure schnellt nach oben. Plane den Hauptteig so, dass du ihn sofort verarbeiten kannst.

Zeit (Beispiel) Schritt
Tag 1, 14:00 Anfrischsauer ansetzen, 25–26 °C
Tag 1, 19:30 Grundsauer ansetzen, 23–27 °C
Tag 2, 07:00 Vollsauer ansetzen, 30–35 °C
Tag 2, 10:00 Hauptteig mischen
Tag 2, 10:30–12:00 Teigruhe, Formen, Stückgare
Tag 2, 12:00 Backen

Berliner Kurzsauer#

Der Berliner Kurzsauer ist eine einstufige Schnellführung für Bäckereien, die den Sauerteig am selben Tag herstellen:

Parameter Richtwert
TA 180–200
Anstellgut 20–30 % auf das Sauerteigmehl
Temperatur ca. 35 °C, konstant
Reifezeit ca. 3 h
Profil mild, milchsäurebetont, wenig Essigsäure
Hefe im Hauptteig ja, da die Hefen im warmen Sauer kaum zum Zuge kommen (Roggenmischbrot ca. 1–2 %)

Für Hobbybäcker ist der Kurzsauer interessant, wenn kurzfristig ein Roggenmischbrot entstehen soll. Er braucht ein sehr triebstarkes, frisch aufgefrischtes Anstellgut und eine zuverlässige Wärmequelle.

Monheimer Salzsauer#

Beim Monheimer Salzsauer wird dem Sauerteig bereits Salz zugegeben. Das bremst Bakterien und Hefen, die Säuerung verläuft langsam und gleichmäßig, und der Sauer bleibt über einen sehr langen Zeitraum verwendbar.

Parameter Richtwert
TA 180–200
Anstellgut 10–20 %
Salz ca. 1,5–2,5 % auf das Sauerteigmehl
Anfangstemperatur 30–35 °C, danach frei abfallend
Reifezeit 15–48 h
Profil mild, ausgewogen, kaum stechend
Hefe im Hauptteig meist geringe Menge (ca. 0,5–1,5 %)

Ideal für alle, deren Backtag sich nicht exakt planen lässt. Das Salz im Sauerteig rechnest du von der Gesamtsalzmenge des Rezepts ab.

Praxistipp

Wenn du am Wochenende nicht weißt, ob du samstags oder sonntags backst: Setze einen Salzsauer am Freitagabend an. Er ist am Samstagmorgen reif und auch am Sonntag noch gut verwendbar.

Sauerteig im Rezept: Mengen und Anteile#

Die wichtigste Kennzahl ist der versäuerte Mehlanteil: der Anteil des Gesamtmehls, der im Sauerteig steckt.

Brotart Versäuerter Mehlanteil Hinweise
Roggenbrot (≥ 90 % Roggen) 35–50 % dunkle Mehle und Schrot eher am unteren Ende, da säurereicher
Roggenmischbrot (50–89 % Roggen) 30–40 % bezogen auf das Gesamtmehl
Weizenmischbrot (50–89 % Weizen) 20–30 % Roggensauer, meist mit Hefe
Weizenbrot mit Levain 10–20 % Landbrote bis 25 %
Dinkelbrot 10–20 % Vollkorn bis 30 %
Brötchen mit Sauerteig 5–15 % eher Aroma als Trieb

Ein ausführliches Rechenschema – Sauerteigmehl, Sauerteigwasser und Anstellgut aus der Gesamtrezeptur herausrechnen – findest du im Kapitel Rechnen in der Backstube.

Rechner: Bäckerprozente → Gramm

Mehl ist die Bezugsgröße und immer 100 % – bei mehreren Mehlsorten teilen sich die Mehlzeilen diese 100 % (z. B. 70 % Weizen + 30 % Roggen). Mehl = Teiggewicht ÷ (Summe aller Prozente ÷ 100); jede Zutat = Mehl × Prozent ÷ 100.

Typischer Fehler

Das Anstellgut wird oft nicht mitgerechnet. Bei 5–10 % fällt das kaum ins Gewicht, bei 20–50 % (Kurzsauer, Levain) verschiebt es die Hydration und den versäuerten Anteil spürbar. Zähle Mehl und Wasser des Anstellguts zur Rezeptur.

Hybridteig: Sauerteig und Hefe kombiniert#

Im Hybridteig kommt die letzte Sauerteigstufe in den Hauptteig, und zusätzlich wird eine kleine Menge Hefe zugegeben. Das ist in Bäckereien bei Roggen- und Weizenmischbroten der Normalfall und für Hobbybäcker oft die beste Lösung.

Vorteile:

  • Planbare, kürzere Gärzeiten – Stockgare und Stückgare verkürzen sich um ein Drittel bis die Hälfte.
  • Sicherer Ofentrieb und gutes Volumen, auch wenn das Anstellgut nicht in Höchstform ist.
  • Mildere Säure, weil der Sauerteig nicht die ganze Triebarbeit leisten muss.
  • Größere Toleranz bei kühler Küche.

Nachteile: etwas weniger Aromatiefe als bei einer langen reinen Sauerteigführung; die Bezeichnung „reines Sauerteigbrot“ entfällt.

Brotart Versäuerter Mehlanteil Frischhefe (auf Gesamtmehl) Stockgare Stückgare (Richtwert)
Roggenbrot 40–50 % 0,5–1 % 15–30 min 50–70 min
Roggenmischbrot 30–40 % 0,5–1,5 % 20–40 min 45–70 min
Weizenmischbrot 20–30 % 1–1,5 % 30–60 min 45–60 min
Weizenbrot mit Levain 10–20 % 0,2–0,5 % 1,5–3 h 1–1,5 h
Brötchen 10–15 % 1–2 % 30–60 min 45–60 min

Bei kühler Teigführung oder Übernachtgare im Kühlschrank reduzierst du die Hefe weiter. Die Formel zur Umrechnung der Hefemenge auf andere Zeiten findest du im Kapitel Rechnen.

Rechner: Hefemenge für andere Zeit oder Temperatur

Gärzeit ∝ Hefemenge−0,7; Temperatur nach dem Modell für Backhefe (Gasbildung, Optimum 36 °C, ≈ 8–10 % je °C zwischen 16 und 30 °C) – dasselbe Modell wie im Backplaner.

Praxistipp

Verwende den Sauerteig im Hybridteig auf dem Höhepunkt, nicht überreif. Ein überreifer Sauer bringt viel Säure, aber kaum Triebkraft – dann arbeitet nur die Hefe, und das Brot wird sauer und flach zugleich.

Hintergrund

Backhefe und Sauerteigmikroben konkurrieren im Teig um Zucker. Weil die Backhefe in der kurzen Gare dominiert, verändert sie das Aroma des Sauerteigs kaum – der Geschmack wird vor allem von der Säure und den Aromastoffen aus der Sauerteigstufe bestimmt. Die Hefe ist im Hybridteig in erster Linie ein Lockerungshelfer.

Problemlösung#

Problem Mögliche Ursachen Abhilfe
Brot zu sauer Sauerteig zu kühl, zu fest, zu lang geführt; zu viel versäuertes Mehl; überreif verwendet weicher und wärmer führen (TA 200, 26–28 °C), mehr Anstellgut, früher verwenden, versäuerten Anteil senken
Brot zu mild zu warm, zu weich, zu kurz; zu wenig Sauerteig fester und kühler führen, weniger Anstellgut, länger reifen, Anteil erhöhen
Essig-stechender Geschmack Grundsauer zu kühl und zu lange, Vollkorn Temperatur anheben, Reifezeit kürzen, Anteil Vollkorn senken
Kein oder schwacher Trieb Anstellgut zu jung oder ausgehungert; zu kalt; überreif verwendet 2–3 Fütterungen im Abstand von 8–12 h bei 24–27 °C; warmen Platz suchen; im Hybridteig Hefe zugeben
Sauerteig steigt, Brot nicht Säure hemmt Hefen; Teig zu lange gegangen Höhepunkt abpassen, Anfrischsauer nutzen, Hefe ergänzen
Graue Flüssigkeit oben (Hooch) Hunger: Mehl verbraucht abgießen oder unterrühren, auffrischen; öfter füttern oder fester führen
Aceton- oder Nagellackgeruch Hunger, Bildung von Ethylacetat häufiger und mit mehr Mehl füttern
Weißer, faltiger, trockener Belag Kahmhefe: Hefen, die an der Oberfläche mit Luftsauerstoff wachsen Belag großzügig abnehmen, kleine Menge aus der Tiefe in ein frisches Glas, mehrfach auffrischen, luftdichter abdecken
Pelziger, farbiger Belag (grün, schwarz, rosa, orange), Fäden Schimmel Anstellgut komplett entsorgen, Glas gründlich reinigen, Bröselsauer reaktivieren oder neu ansetzen
Käse- oder Erbrochenes-Geruch in den ersten Ansatztagen normal (Buttersäurebildner); bei etabliertem Sauer Zeichen von Fremdgärung weiter füttern, wärmer führen; bei etabliertem Anstellgut zwei, drei kräftige Auffrischungen
Sauerteig wird flüssig und klebrig überreif, Eiweiß- und Stärkeabbau Reifezeit verkürzen, fester führen
Roggenkrume klitschig, Wasserstreifen zu wenig Säure, Teig zu jung versäuerten Anteil erhöhen, Sauerteig reifer verwenden, ausreichend backen

Achtung

Kahmhefe und Schimmel sind leicht zu unterscheiden: Kahmhefe ist weiß bis cremefarben, flach, faltig und riecht eher hefig-muffig. Schimmel ist pelzig, flaumig oder farbig. Bei Schimmel gibt es keine Rettung durch Abschöpfen – das Myzel durchzieht den ganzen Teig.

Praxistipp

Die meisten Sauerteigprobleme lassen sich mit drei Auffrischungen in Folge lösen: jeweils 1 Teil Anstellgut auf 5 Teile Mehl und 5 Teile Wasser, bei 25–27 °C, im Abstand von 8–12 Stunden. Danach ist der Sauer wieder im Gleichgewicht.

Weitere Fehlerbilder am fertigen Brot – etwa zu dichte Krume, Risse oder Wasserstreifen – behandelt das Kapitel Brotfehler erkennen & beheben. Wie lange die Gare mit Sauerteig dauert und wie du den Gärgrad erkennst, erfährst du im Kapitel Gare & Fermentation.

Sauerteig in der App#

Unter /sauerteige/ legst du deine Anstellgüter an, hinterlegst Mehlart und Teigausbeute und protokollierst Fütterungen. Unter /sauerteige/fuehrungen/ findest du alle hier beschriebenen Führungen mit ihren Stufen, Temperaturen und Zeiten. Das Gärmodell der App (/doku/#gaermodell) schätzt Reifezeiten bei abweichenden Temperaturen und Anstellgutmengen – zum Beispiel, wann ein 1 : 5 : 5 angesetzter Sauerteig bei 18 °C statt bei 20 °C reif ist.